Railmen Story // 03.2026 RAILMEN ON TOUR – SENEGAL

Unterwegs mit Bus, Boot und Geduld

Ein railmen-Reisetagebuch von Jörg Watzek aus Westafrika

Eine Folge der arte-Reihe »Küchen der Welt« über den Senegal hatte meine Neugier geweckt. Also machte ich mich Ende 2025 gemeinsam mit meiner Begleitung auf den Weg, um für zwei Wochen das Land zu erkunden.

Ankommen in Mbour

Unser erster Stopp war Mbour, eine Hafenstadt etwa 80 Kilometer südlich der Hauptstadt Dakar. Schon bei den ersten Spaziergängen wurde klar, wie groß die Kontraste sind. Auf den Fischermärkten stapelten sich Fänge aus dem Atlantik, daneben lagen Fische zum Trocknen im Sand. Der Boden war teilweise mit Müll übersät, der Geruch intensiv. Nach drei Tagen hatten wir uns halbwegs an Temperaturen um 38 Grad gewöhnt und starteten unsere eigentliche Reise: mit öffentlichen Verkehrsmitteln quer durch den Senegal.

Unterwegs mit den „Sept-Places“

Die wichtigste Regel für Reisende im Senegal lautet: Geduld mitbringen. Die typischen Überlandfahrzeuge (Sammeltaxis) heißen „Sept-Places“ – meist alte Peugeot-Kombis oder Kleinbusse. Sie fahren erst los, wenn jeder Platz besetzt ist. Wann das genau der Fall ist, weiß vorher niemand. Der Zustand dieser Fahrzeuge war für mich als Lokführer erschreckend. Viele Wagen hatten Löcher im Boden, gerissene Frontscheiben oder Türen ohne Griffe. Anzeigen funktionierten nicht mehr, Polster waren durchgesessen. Aber der Motor lief.

Und so passten in einen Renault Kangoo plötzlich zwölf Menschen, während sich ein weiterer Fahrgast außen an der Stoßstange festhielt. Improvisation gehört hier zum System.

Busbahnhöfe – ein eigenes Universum

Ein besonderes Erlebnis waren die großen Busbahnhöfe. Dort stehen hunderte Fahrzeuge, scheinbar chaotisch verteilt. Für Außenstehende wirkt alles völlig ungeordnet – doch tatsächlich folgt das Ganze einem System, das Einheimische sofort verstehen.

Zwischen den Autos herrschte ein unglaubliches Gewimmel: Händler mit Obst, Kleidung oder Werkzeug, Menschen mit Gepäck, Kinder, Tiere. Einmal wurde für unser Gepäck der Kofferraum geöffnet – wo uns ein an den Füßen zusammengebundenes Schaf „anmähte“, dass sich kurzerhand den Platz mit unseren Rucksäcken teilen sollte. An anderer Stelle sah ich auf dem Dach eines Busses eine Kuh sitzen. Wie sie dort hinaufgekommen war, blieb ein Rätsel.

Inseln ohne Autos – das Saloum-Delta

Unsere erste größere Etappe führte uns in das Saloum-Delta, ein weit verzweigtes Mangrovengebiet, das heute zum UNESCO-Biosphärenreservat gehört. Unser Ziel war eine kleine autofreie Insel, auf der Transporte noch immer mit Esel- und Pferdekarren stattfinden. Bei Wanderungen über die Insel sahen wir Mangrovenwälder voller Vögel und riesige Baobab-Bäume, die auch „Affenbrotbäume“ genannt werden.

Dakar – zwei Verkehrswelten

In Dakar, der Hauptstadt mit über drei Millionen Einwohnern, wurde der Gegensatz zwischen Arm und Reich besonders deutlich – auch im Verkehrssystem. Neben den alten klappernden Bussen gibt es inzwischen eine hochmoderne Bus-Rapid-Transit-Linie (BRT): elektrische Gelenkbusse, eigene Fahrspuren, Hochbahnsteige und ein elektronisches Ticketsystem. Das Projekt wurde von einem chinesischen Unternehmen gebaut und gilt als eines der modernsten Busnetze Westafrikas.

Gleichzeitig rollen daneben weiterhin die bekannten alten Minibusse, in denen Fahrkarten oft von Kontrolleuren verkauft werden, die in einem kleinen Metallkäfig im Fahrzeug sitzen. Auch eine neue Bahnlinie ist im Bau. Sie soll den Flughafen mit Dakar verbinden. Die Strecke ist rund 55 Kilometer lang – und derzeit die einzige moderne Personenbahnlinie im Land. Die meisten Eisenbahnstrecken aus der französischen Kolonialzeit werden heute nur noch sporadisch für Güterzüge genutzt.

Lompoul – Senegals kleine Wüste

Nach weiteren kleinen Zwischenstopps auf der Île de Gorée und in Saint-Louis zog es uns weiter nach Lompoul-sur-Mer, nahe der 15 km2 kleinen und einzigen Wüste des Landes. Zum ersten Mal fanden wir dort einen relativ ruhigen, sauberen Ort. Der breite Strand diente gleichzeitig als Straße für Eselkarren, Mopeds und Autos. Auf unserem Weg zur Wüste begegneten wir Bauern, die in dem scheinbar kargen Boden tatsächlich Kartoffeln und Möhren anbauten. Mitten in den Dünen sahen wir jedoch auch Förderanlagen für Mineralsand – Rohstoffe, die von internationalen Konzernen abgebaut werden. Ein trauriger Anblick in dieser Landschaft.

Popenguine – Pirogen-Rennen

Unsere letzte Station war Popenguine, ein kleiner Küstenort südlich von Dakar. Wir wanderten entlang der einzigen Steilküste des sonst sehr flachen Senegal und besuchten einen Adventsgottesdienst in einer der wenigen katholischen Gemeinden des Landes.

Am Abend erlebten wir ein großes Pirogen-Rennen – traditionelle Einbaumboote der Fischer. Das Ereignis hatte Volksfestcharakter: Musik, Jubel, bunt bemalte Boote. Doch auch hier zeigte sich der Wandel. Einige Kilometer nördlich entsteht ein riesiger Tiefseehafen, finanziert aus Dubai und gebaut von chinesischen Unternehmen.

Farben, Gerüche und Geschmack

Was mir besonders in Erinnerung bleiben wird, sind die leuchtenden Farben: die bunten Kleider der Frauen, die kunstvoll bemalten Fischerboote, die Märkte voller Obst und Gewürze. Die Nationalgerichte Thieboudienne (Reis mit Fisch, Tamarinde und Gemüse) sowie das Mafé (Fleisch in einer würzigen Erdnusssauce) waren wirklich sehr schmackhaft.

Den Touba-Kaffee (Glückskaffee), gewürzt mit Pfeffer und Nelken, duftete an jeder Straßenecke, wo er in hohem Bogen in kleine Pappbecherchen gefüllt wurde.

Fazit

Diese Reise hat mir einen sehr direkten Einblick in das Leben im Senegal gegeben. Wer Erholung in idyllischer Natur sucht, sollte vielleicht ein anderes Reiseziel suchen. Es ist kein klassisches Erholungsziel und hinsichtlich öffentlicher Verkehrsmitteln auch kein besonders komfortabel zu bereisendes Land.

Doch wer Interesse daran hat, eine stolze authentische afrikanische Kultur kennenzulernen, ist in Senegal am richtigen Ort.